Freitag, 28. Oktober 2016

Von Träumen, die in Erfüllung gehen


Ich träumte schon viele Jahre, dass ich mal eine schnelle Läuferin sein werde.

Laufen ist für mich als Büromensch ein wichtiger Ausgleich, physisch und psychisch. Früher hatte ich allerdings Probleme meine Kondition über das ganze Jahr aufrecht zu erhalten. Im Sommer (oder allgemein bei Temperaturen über 20°C) konnte ich nicht laufen, da ich durch Medikamenteneinnahme nicht ausreichend geschwitzt habe. Folge -> Überhitzung -> kein Spaß am Laufen -> Auszeit. Im Herbst musste ich dann meine Kondition von Null an wieder aufbauen. Mühsam. Dann kam der Winter und zusätzliche viele Überstunden im Büro. Ihr könnt es euch denken, was passiert -> Auszeit -> im Frühjahr wieder bei Null anfangen.

Durch glückliche Umstände fand ich einen Arzt, der es sehr gut mit mir meinte und mich meine Medikamente kurzerhand absetzen ließ. Ich war heilfroh darüber, nach 9 Jahren endlich wieder tablettenfrei leben zu können.

Durch den Medikamentenstopp hat sich so vieles an meinem Körper positiv entwickelt. Ich habe keine/kaum noch Probleme mit meiner kälteempfindlichen Haut, ich habe keine Fressanfälle mehr und ich kann wieder schwitzen, wenn ich schwitzen muss, sodass ich regelmäßig und vor allem das ganze Jahr über ohne Zangspause Sport machen kann!

Mit diesen neuen Rahmenbedingungen wuchs auch die Zuversicht, dass ich beim Laufen endlich schneller werden würde. 10km unter 1 Stunde laufen! Mein Traum! Viele schaffen das ganz ohne Training. Ich nicht. Ich war schon immer unsportlich und dazu noch zu dick. Da mach' ich mir gar keine Illusionen.

So versuchte ich auf Krampf meine Laufzeiten zu verbessern. An den Gedanken nach Trainingsplan zu laufen, kam ich nicht bzw. ich verwarf diesen Gedanken immer wieder, da ich durch meine Arbeit keine bestimmten Lauftage frei halten kann. So hoppelte ich fleißig, aber planlos, 2-4 Mal in der Woche durch die Gegend. Ich wurde immer ein bisschen schneller, aber so richtig locker 10km unter 1 Stunde konnte ich nie laufen.

Der Herr Cadaver, selbst ein sehr guter Athlet, hat meine leichte Frustration ob dieses Zustandes mitbekommen und im Zuge seiner Marathonvorbereitung immer wieder gefragt, ob ich nicht auch mal einen 10km-Wettkampf mitmachen will. Ich?! Ich lahme Ente? Das wird doch höchstens peinlich und im schlimmsten Fall komme ich als Letzte über die Ziellinie. Also, nein, das trau' ich mir einfach nicht zu.

Wie der Zufall es so will, gibt es in meiner alten Heimat einen schönen See (ehemaliges Braunkohle-Abbaugebiet) und eine Laufveranstaltung, die Volkssportcharakter hat und daher nicht so hochkarätig besetzt ist, als dass ich wirklich Letzte werden könnte. Ich nahm also allen Mut zusammen und meldete uns 2 beim Goitzsche-Marathon ("Gottsche"-Marathon ;-)) über die 10km an.

Oh man, ich war schon Wochen vorher nervös und checkte jeden Tag den Wetterbericht, ob es nicht zu warm, zu windig, zu regnerisch oder zu-sonstwas werden könnte.

Der Tag der Wahrheit - 08.05.2016 - Ein Laufbericht im Präsens

Natürlich ist es zu warm UND zu windig. ;-)
Aber egal, die 10km schaffe ich schon irgendwie. Und ich kenne das Terrain - bin hier schließlich groß geworden. Es gibt auch keine Berge und einen Getränkestand bei km 5. Das habe ich sonst in meinen Training nicht. Trotzdem ist die Aufregung riesengroß. Der erste warme Tag im Jahr und ich laufe hier 10km bei stürmischem Wind.

Bin ich eigentlich bescheuert?

Das frage ich mich ständig. Die Antwort: Ja! Aber das hat nun gar nichts mit dem Lauf zu tun. ;-)

An der Startlinie bin ich echt nervös. Ich will mich hinten einreihen, weil ich niemandem im Weg stehen will. Aber alle, die nach mir in den Startbereich kommen, stellen sich hinter mich. Oh Gott, oh Gott... hoffentlich rennen die mich nicht über den Haufen. Ich gucke mir meine Mitstarter an. Es sind ungefähr 160 Leute, die die 10km laufen, und 110 Staffelläufer. Alle sehen so sportlich aus. Naja, mal sehen, was das hier wird.

Ich habe schon im Stehen 160 Puls. Der Startschuss fällt, die ersten Schritte... 170 Puls... *tapstapstaps* 180 Puls.
So war das hier aber nicht abgemacht!
Plan war eigentlich auf 58:xx min anzulaufen, d.h. 5:50min pro km. Das schaffe ich im Training auch immer über ein paar Kilometer ohne großes Japsen. Aber nun war da Gegenwind und diese Hitze. Wie kann es überhaupt sein, dass um 9 Uhr schon 20+ °C sind? Ich weiß jetzt schon: Das wird ein Kampf! Hitze vertrage ich nicht so gut.

Der erste Kilometer vergeht wie im Flug. Es gibt kein großes Gedränge. Die GPS-Uhr piept. 5:47min ... alles im Plan. Ich höre, wie sich 2 Läufer neben mir unterhalten:
"Unter 6min! Wir sind viel zu schnell!"
"Ach komm, wir ziehen das jetzt durch!"
Na wenn die schon auf dem ersten Kilometer viel zu schnell unterwegs sind, wird da der Mann mit dem Hammer bald kommen, denk ich mir.

Die nächsten 3 Kilometer verlaufen unspektakulär. Ich überhole einige Läufer, die sich wohl überschätzt haben und innerlich leide ich mit ihnen.

Bei km 4 dann das Highlight: Das Führungsfahrrad für den ersten Läufer kommt uns entgegen. Krass, die Ersten sind schon auf dem Rückweg. Die haben also schon 6km hinter sich gebracht! Was noch schöner ist: Gleich hinter dem ersten Läufer kommt Herr Cadaver angestürmt. Wie cool ist das denn?! Ich freu mich riesig, hoffe, dass er bis ins Ziel gut durchkommt, und trabe weiter.

Langsam wird es richtig heiß. Weit und breit ist kein schattenspendender Baum. Bäh! Zum Glück kommt gleich am Wendepunkt eine Getränkestation. Als ich kurz davor bin, überholt mich eine junge Läuferin, schert knapp vor mir wieder ein und bleibt am Getränkestand stehen! o.O Ich kann so schnell gar nicht bremsen und versuche slapstickmäßig wenigstens an ihr vorbei zu manövrieren. Das gelingt mir nur halb, ein bisschen touchiere ich sie noch. Aber wie bescheuert ist das denn? Erst knapp überholen und dann stehen bleiben?!

Egal, weiter geht's ... hopp hopp hopp.
Nach einem kleinen Hügel nehme ich wieder Fahrt auf. Der 6.km sollte der schnellste werden mit 5:41min. Jetzt ist auch endlich etwas Rückenwind angesagt. Halleluja!
Aber langsam wird es auch bei mir zäh. Mir ist so verdammt heiß. Die Sonne brennt mir im Nacken und so viele Läufer um mich herum sind auch nicht mehr da. Irgendwie muss ich ganz viele am Getränkestand überholt haben. Bei km8 habe ich keine Puste mehr. Ich höre von hinten Schritte und werde von einem Mann überholt. Ich klage ihm mein Leid:
"Ich kann nicht mehr. Ich glaube, ich sterbe gleich!"
"Ach Quatsch, so schnell stirbt hier niemand. Es sind nur noch 2 Kilometer. Hopp!" :-)

Mein Puls ist schon lange jenseits der 190 und pendelt sich grad bei 194 ein. Puh! Das habe ich im Training sonst nie so lange ausgehalten. Aber jetzt muss ich. Los, Zähne zusammen beißen und kämpfen. Nach einer Kurve schlägt der Gegenwind nochmal voll zu. Ich habe das Gefühl gegen eine Wand zu laufen. Zum Glück bekomme ich mit, dass die 2 Läuferinnen vor mir auch zu kämpfen haben. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Nach einer weiteren Kurve kommt der Wind wieder von der Seite, sodass es viel angenehmer wird.

Der letzte Kilometer will nicht vergehen. Ich habe keine Energie mehr, meine Beine sind schwer. Das ist wohl der Mann mit dem Hammer. Guten Tag, der Herr!
Aber ganz in der Ferne sehe ich schon das Ziel und ein paar Leute am Straßenrand. Irgendwann höre ich auch den Moderator, der am Ziel die Läufer begrüßt. Das gibt mir Energie. Woher die kommt, weiß ich nicht. Auf jeden Fall reicht es für einen klasse Schlusssprint, den ich voll genießen kann.

Im Ziel bin ich völlig erschöpft. Mir wird gratuliert - ich kann nichts sagen. Ein Becher Wasser ist alles, was ich will. Ein Becher Wasser und einen Kühlschrank, in den ich mich hineinlegen kann, das wäre fein!

Nach ein paar Minuten schaue ich zum ersten Mal auf meine Uhr. Da steht eine 58:xx .... wie toll ist das denn? Ich freue mich wie Bolle, dass ich bei den Temperaturen noch deutlich unter 1 Stunde bin. Als die offiziellen Ergebnisse ausgehängt werden, traue ich meinen Augen nicht. Netto ist es sogar eine 57er Zeit. :-)

Damit hätte ich nun gar nicht gerechnet. Bis dahin persönliche Bestzeit. Und das bei diesen (für mich) widrigen Bedingungen.

Da hatten wir uns den Sprung ins kalte Nass redlich verdient... ;-)




Dieser erste 10-km Wettkampf sollte nicht nur ein sehr schönes Erlebnis sein, sondern gleichzeitig der Startschuss für ein mehr oder weniger strukturiertes Training und weitere sportliche Ziele. Davon vielleicht bald mehr.... ^.^

1 Kommentar:

Julia hat gesagt…

Super! Herzlichen Glückwunsch! Und toll geschrieben!